Bund und Stadt verschärfen die Lehrlingskrise

„Es ist schwer erträglich, dass wir mit unseren Steuern auch noch den Mitbewerb finanzieren“

Warum es heute für kleine Handwerksbetriebe so schwer ist, motivierte junge Menschen zu finden, die sich für ein Handwerk ausbilden lassen wollen, hat uns Günther Koller, der heute als gewerberechtlicher Geschäftsführer und Coach der Wiener Aqua-All-Tech GmbH aktiv ist, erklärt.
Günther Koller ist mit Leib und Seele Installateur. Das spürt jeder sofort, der ihn auf seine Arbeit und die sich daraus ergebenden Herausforderungen anspricht. Denn der 1963 geborene Unternehmer kann auf einen großen Erfahrungsschatz mit vielen Höhen und Tiefen zurückblicken. Seit 2015 ist er nicht nur als gewerberechtlicher Geschäftsführer und Coach der Wiener Aqua-All-Tech GmbH aktiv, sondern engagiert sich auch in der Wiener Innung – unter anderem für das Thema Lehrlinge. Im Gespräch mit der Gebäude Installation erklärt der Wiener Profi, warum es vor allem in der Bundeshauptstadt so schwer ist, an motivierte junge Menschen zu kommen.

Herr Koller, was sehen Sie bei Ihrer Suche nach Lehrlingen als zentrale Herausforderungen?
Das Schwierigste ist natürlich, den oder die geeigneten Kandidaten zu finden. Denn das Dilemma ist, dass motivierte junge Menschen mit guter Vorbildung, die sich für eine Lehre entscheiden, von großen Unternehmen stark umworben werden. Damit meine ich aber nicht die größeren Handwerksbetriebe, sondern vor allem Bund- und Gemeindebetriebe, oder Energienetzbetreiber. Als kleiner bzw. mittelständischer Betrieb hat man es gegen diese Konkurrenz sehr schwer, an guten Nachwuchs heranzukommen. Hinzu kommt, dass die Eltern dieser potenziellen Lehrlinge aufgrund der vermeintlich besseren Bezahlung und der vermuteten höheren Jobgarantie wohl mehrheitlich zu diesen größeren Unternehmen raten. Letzteres kann ich sogar gut nachvollziehen, da es bei mir damals ebenso war. Als meine Ausbildung anstand, haben mir meine Eltern dasselbe gesagt. Glücklicherweise hörte ich aber auf den Rat meines Großvaters: „Lern´ ein Handwerk beim kleinen Betrieb“.
Es ist ja kein Geheimniss, dass unser Beruf in einem kleinen Betrieb am besten erlernt werden kann, da aufgrund der Teamgröße jeder alles machen, also auch können muss. Wir bilden sozusagen ideal ausgebildete Generalisten heran, während dies in größeren Betrieben oft gar nicht möglich ist. Und da kommen wir dann auch schon zum zweiten Problem in diesem Zusammenhang. Falls es uns als KMU gelungen ist, aus dem durch Handel, Industrie und Gemeinde bereits vorausgesiebten Lehrlingspotenzial engagierte junge Menschen zu finden und wir diese dann zu qualifizierten Fachkräften geformt haben, verlieren wir nicht wenige nach ihrer Lehrzeit an die bereits erwähnten Gruppen, da diese ja mangels ihrer Ausbildungskompetenz ebenso händeringend nach derart gut ausgebildeten Fachkräften suchen, und daher Beschäftigungsformen mit Begünstigungen anbieten, bei denen wir schwer mithalten können.

Es ist schwer erträglich, dass wir mit unseren Steuern die Mitbewerber finanzieren, nachdem wir die Fehler des Schulbildungssystems repariert haben.

Ausbildungswillige Betriebe kämpfen aber nicht nur gegen staatliche Institutionen, sondern auch gegen allfällige Vorurteile in den Köpfen der Gesellschaft hinsichtlich veralteter Imagebilder. Dabei gilt im Gegensatz zu früher die Gebäudetechnik heute längst als zentrale Schlüsselmaterie. Installateure stehen beispielsweise an vorderster Front, wenn es um den Klimaschutz geht. Kaum ein anderes Gewerk kann hier mehr positiv beeinflussen, als wir. Auch in Sachen „Smart Home“ haben wir eine führende Bedeutung, da die Sanitär-, Heizungs- und Klimaregelung Kern und Mark der Wohnräume von Morgen darstellen. Wir müssen Eltern zu verstehen geben, dass unser Job hervorragende Zukunftsaussichten im Bezug zur Nachfrage, Einkommen, Unabhängigkeit und auch Prestige hat und sie ihre Kinder daher nicht zwangsläufig an die Universitäten zu peitschen brauchen. Nachdem ich mich auch in der Wiener Innung engagiere, kenne ich diese Herausforderung ganz genau. Im Innungsausschuss beschäftigen wir uns ständig mit der Lehrlingsproblematik. Beispielsweise haben aktuell 150 Wiener Betriebe gemeldet, dass sie einen Lehrplatz bieten würden, aber niemanden finden. Daher gilt es, einen Schulterschluss der gesamten SHK-Branche herzustellen, um im Wettbewerb um die besten Köpfe all diese Vorteile herauszustreichen.

Ab wann ist ein Lehrling für Sie produktiv?
Auf Montage gehen unsere Lehrlinge zwar von Beginn an mit, das erste Lehrjahr sehe ich jedoch primär als Investition, da sehr viel Zeit aufgewendet wird, dem jungen Menschen alles zu erklären. Erst im Laufe des zweiten Lehrjahres sind die Fähigkeiten und Kenntnisse des Auszubildenden dann so weit, dass er anfängt, produktiv zu werden. Buchhalterisch stellen wir die Leistung unserer Lehrlinge jedenfalls erst dann in Rechnung, wenn er durch seine Mitarbeit nachweislich den Arbeitsprozess beschleunigt. Ganz generell lässt sich diese Frage aber nicht allgemeingültig beantworten. Es muss jeweils von Fall zu Fall beurteilt werden, da viele Faktoren zu berücksichtigen sind. Für allfällige Fehler, die durch den Lehrling passieren und ausgebessert werden müssen sowie die Zeit, die durch Erklärungen verloren geht, gibt es keine Kalkulationsmatrix.

Auszug aus dem Artikel vom 17.12.2019
www.bauforum.at

Ergänzung:
Wenn schon Stadt und Bund Lehrlinge ausbildet, dann sollten diese vorrangig jene junge Menschen heranziehen, die infolge vorhergegangener Lerndefizite am freien Arbeitsmarkt wenig Chancen vorfinden. 
Es ist nicht Aufgabe der marktwirtschaftlich orientierten Ausbildungsbetriebe die Versäumnisse des Schulsystem zu korrigieren.
„Lasst uns die Guten, wir machen sie zu den Besten“

Günther Koller
Sprecher Handwerk & Gewerbe

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